Sicherheit als Lösung - nicht als Produkt
Kritische Infrastrukturen und neue Anforderungen verändern den Sicherheitssektor spürbar. Lesen Sie das vollständige Interview aus der Sonderbeilage "Öffentliche Sicherheit" der Ausgabe DIE WELT vom 24.03.2026.
[Vollständige Fassung des Interviews aus dem Beileger "Öffentliche Sicherheit", DIE WELT vom 24.3.2026]
Kritische Infrastrukturen, komplexe Gebäudestrukturen und neue Anforderungen an den Zutritt verändern den Sicherheitssektor spürbar. Roberto Creutziger, Leiter Vertrieb GEMOS bei BKS GmbH, und Dirk Wellsow, Produktmanager für elektronische Schließsysteme, sprechen über die wachsende Verzahnung von physischer Sicherheit und IT-Lösungen, über die Rolle integrierter Systeme – und darüber, weshalb Sicherheit heute weit über einzelne Komponenten hinausgeht.
Nicht erst seit den Ereignissen in Berlin und seit der Verabschiedung des KRITIS-Dachgesetzes ist der Schutz der Kritischen Infrastruktur ein Thema. Wo sehen Sie konkret für Unternehmen und Einrichtungen die größten Herausforderungen?
Creutziger: Aus meiner Sicht kommen derzeit mehrere Herausforderungen zusammen. Die wichtigste ist, dass physische Sicherheit und IT-Sicherheit nicht mehr getrennt betrachtet werden können. Unter dem KRITIS-Dachgesetz rücken physische Risiken und Cyberabwehr deutlich enger zusammen. Genau das verändert die Anforderungen an Unternehmen und Einrichtungen grundlegend.
Hinzu kommt der Investitionsbedarf. Im KRITIS-Umfeld sprechen wir häufig nicht nur über einzelne Gebäude, sondern über weitläufige Anlagen, beispielsweise in der Energie- oder Wasserversorgung. Diese Bereiche müssen umfassend abgesichert werden, unter anderem mit Perimeterschutz, Videotechnik und weiteren Sicherheitssystemen. Das ist organisatorisch wie finanziell anspruchsvoll.
Des Weiteren kommen zusätzliche administrative Pflichten, neue Meldeketten, regulatorische Vorgaben und Haftungsfragen auf Führungsebene hinzu. Gleichzeitig ist qualifiziertes Personal in diesem Bereich schwer zu finden. Besonders herausfordernd ist das für Unternehmen, die bislang gar nicht damit gerechnet haben, unter solche Vorgaben zu fallen. Das betrifft längst nicht nur große Betreiber, sondern zum Beispiel auch viele Versorger oder Stadtwerke, die sich nun mit Themen befassen müssen, die bisher nicht im Zentrum standen – Herausforderungen, mit denen wir uns bei BKS bereits seit Jahren beschäftigen.
Die Anforderungen an ein modernes Gebäudemanagement werden stetig komplexer. Mit welchen Fragen, Anliegen und Herausforderungen kommen Ihre Kundinnen und Kunden derzeit auf Sie zu?
Creutziger: Viele Fragen ergeben sich direkt aus dieser neuen Ausgangslage. Kundinnen und Kunden wollen vor allem wissen, wie sich physische Sicherheit und IT-Sicherheit praktisch zusammenführen lassen. In vielen Unternehmen sind das bis heute getrennte Bereiche – auf der einen Seite Werkschutz und Sicherheitsverantwortliche, auf der anderen Seite die IT. Heute müssen diese Bereiche enger zusammenarbeiten und genau da entsteht viel Klärungsbedarf.
Entsprechend wichtig ist auch das Thema Cybersecurity. Unser System bewegt sich innerhalb der IT-Landschaft unserer Kunden. Deshalb werden wir sehr konkret gefragt, wie wir verschlüsselte Kommunikation sicherstellen, wie wir als BKS mit Cyberrisiken umgehen und welchen Beitrag wir auf Systemebene leisten können.
Ein weiterer Schwerpunkt sind Dokumentationspflichten. Viele Unternehmen suchen nach Lösungen, mit denen sich Prozesse und sicherheitsrelevante Ereignisse sauber dokumentieren lassen, ohne dafür zusätzlich Personal aufbauen zu müssen. Gleichzeitig erleben wir, dass wir oft auch als ganzheitlicher Ansprechpartner für Sicherheit wahrgenommen werden – etwa bei Fragen zur Resilienz von Gebäuden, zur Autarkie oder zur Notstromversorgung. Nicht alles davon löst unser System GEMOS direkt, aber die Erwartung ist klar: Sicherheit muss gesamthaft mitgedacht werden. Und genau diesen Ansatz verfolgt unser Gebäudemanagementsystem GEMOS.
Heterogene Systemlandschaften sind in allen Bereichen und Branchen ein Hemmnis. Wie setzt hier GEMOS im Detail an, um Systembrüche zu überwinden und wie profitieren KRITIS Betreiber davon?
Creutziger: Ein entscheidender Punkt ist, dass GEMOS von Anfang an herstellerneutral konzipiert wurde. Wir fokussieren uns nicht nur auf einzelne Fabrikate oder Produkte aus dem eigenen Haus, sondern binden unterschiedliche Gewerke und Systeme ein – von Brandmeldetechnik über Video und Zutrittskontrolle bis hin zu Gebäudeleittechnik oder Evakuierungssystemen.
Unser Know How und die große Anzahl an bereits realisierten Schnittstellen vermeidet in den Installationen die sogenannten Systembrüche. Statt mit mehreren Oberflächen zu arbeiten, erhalten die Nutzenden eine einheitliche intuitive Benutzeroberfläche, auf der Informationen zusammenlaufen und Abläufe strukturiert dargestellt werden. Das ist besonders in kritischen Situationen ein großer Vorteil, weil man nicht zwischen verschiedenen Systemen springen und sich immer wieder neu orientieren muss.
Für KRITIS-Betreiber ist das besonders relevant. Im Ernstfall geht es darum, schnell, strukturiert und fehlerfrei zu handeln. GEMOS unterstützt dabei mit Lageplänen, automatisierten Workflows und klaren Maßnahmenketten. Gleichzeitig bildet das System die Organisation des jeweiligen Unternehmens ab, also genau jene Abläufe und Zuständigkeiten, die im Ereignisfall entscheidend sind. So schaffen wir aus einer Vielzahl von Einzelsystemen einen integrierten Handlungsrahmen.
Ein solches Zusammenspiel und die notwendige Integration hört sich komplex an. Wie sieht ein Prozess von der Recherche bis zur Implementierung typischerweise aus? Ist solch eine Lösung nur etwas für große Konzerne? Und wie weit ist BKS da involviert?
Creutziger: Natürlich ist das kein Plug-and-Play-Projekt. Solche Lösungen setzen eine saubere Analyse, technisches Know-how und viel Erfahrung voraus. Genau dort bringen wir uns als BKS intensiv ein. Gemeinsam mit dem Kunden betrachten wir zunächst die bestehende Systemlandschaft, stimmen uns mit weiteren Partnern ab und klären, welche Schnittstellen, Standards und technischen Rahmenbedingungen vorhanden sind.
Genauso wichtig ist aber der organisatorische Teil. Wir müssen verstehen, wie das Unternehmen arbeitet, welche Prozesse im Ereignisfall greifen und wie diese sinnvoll im System abgebildet werden können. Dazu gehört auch die enge Abstimmung mit der IT, etwa bei Serverstrukturen, virtuellen Umgebungen oder Sicherheitsanforderungen.
Diese Lösungen sind dabei keineswegs nur etwas für große Konzerne. Wir arbeiten mit mittelständischen Unternehmen ebenso wie mit Banken, Justizvollzugsanstalten oder Einrichtungen der öffentlichen Hand. Entscheidend ist nicht primär die Unternehmensgröße, sondern die konkrete Anforderung. Unsere Aufgabe ist es, Komplexität gemeinsam mit dem Kunden in eine funktionierende und tragfähige Lösung zu übersetzen.
GEMOS ist ein Beispiel für die Bedeutung digitaler Innovation im Sicherheitssektor. Vielen ist BKS aber auch aus anderen Produktbereichen bekannt. Können Sie uns mehr zu den anderen Produktbereichen sagen?
Wellsow: Wir verstehen uns als Anbieter mechanischer und elektronischer Systemlösungen für Gebäudesicherheit. Entsprechend breit ist unser Portfolio. Es reicht von mechanischen und elektronischen Schließsystemen über Einsteckschlösser, Türbeschläge und elektrische Türöffner bis hin zu Fluchttürsicherungen, Zutrittskontrollsystemen sowie Gebäude- und Gefahrenmanagementsystemen.
Wichtig ist für uns dabei, nicht nur einzelne Produkte zu liefern, sondern Lösungen rund um die Tür. Genau darin liegt unser Anspruch als Lösungsanbieter: unterschiedliche Anforderungen aufzunehmen und daraus ein stimmiges Gesamtsystem zu entwickeln. Aus meiner Sicht ist dabei vor allem das Zusammenspiel wichtig. Wenn sich Kunden für Lösungen aus unserem Haus entscheiden, sollen sich weitere Komponenten möglichst nahtlos integrieren lassen. Das schafft Mehrwert, weil alles aufeinander abgestimmt ist und gemeinsam gedacht werden kann.
Dank unserer Zugehörigkeit zur Gretsch-Unitas Gruppe und deren weltweiten Länderniederlassungen, profitieren auch Kunden im Ausland von den Produkten und Systemlösungen von BKS. Speziell im Bereich GEMOS unterstützen wir diese Struktur mit Spezialisten und qualifizierten Vertriebspartnern.
Welche Entwicklungen gibt es beim Thema Zutrittskontrolle und wo liegen die aktuellen Herausforderungen?
Wellsow: Wir sprechen bei BKS viel von elektronischen Schließsystemen. Dort sehen wir sehr klar, wohin sich der Markt entwickelt: Mobile Access ist ein wichtiges Thema. Smartphones und andere mobile Geräte werden immer häufiger zum digitalen Schlüssel, etwa über Bluetooth oder NFC. Mit unserer ixalo Key App bieten wir dafür bereits eine konkrete Lösung. Ein zweiter großer Trend sind Cloud- und smarte Lösungen. Sie vereinfachen Updates, Verwaltung und Skalierbarkeit und sind gerade für kleinere sowie verteilte Anwendungen sehr attraktiv.
Gleichzeitig steigen aber auch die Anforderungen. Datensicherheit und Datenschutz sind zentrale Themen, weil vernetzte Systeme naturgemäß neue Angriffsflächen schaffen – hier orientiert sich BKS stets am aktuellen Stand der Sicherheit und natürlich an den Vorgaben des BSI. Hinzu kommen die technische Komplexität bei Integrationen sowie die Benutzerakzeptanz. Neue Technologien müssen nicht nur funktionieren, sondern im Alltag auch verständlich und zuverlässig sein. Gerade bei Nachrüstungen in Bestandsgebäuden spielen außerdem Investitions- und Betriebskosten eine große Rolle.
Viele Produkte von BKS sind klassische mechanische Lösungen – ob Schließzylinder oder Einsteckschloss. Gibt es hier auch Entwicklungen, wo Elektronik eine größere Bedeutung bekommt? Wenn ja, wo machen diese Produkte Sinn?
Wellsow: Auch bei klassischen mechanischen Produkten gewinnt Elektronik seit Jahren an Bedeutung. Besonders spannend sind hybride Lösungen, also die Kombination aus mechanischen und elektronischen Komponenten. Dadurch entstehen deutlich mehr Möglichkeiten bei der Verwaltung von Zutrittsrechten, etwa bei zeitlich begrenzten Zugängen oder wechselnden Nutzergruppen und natürlich beim Thema Kontrolle und Sicherheit. Zum Beispiel melden mechatronische Schlösser über ihre Kontakte, ob eine Tür verriegelt ist oder nicht. Wenn Sie sich vorstellen, dass sie eventuell ansonsten mehrere hundert Türen händisch kontrollieren müssten, erkennt man schnell die Vorteile in der Kombination von mechanischen und elektronischen Komponenten.
Solche Lösungen bieten sich vor allem dort an, wo hohe Sicherheitsanforderungen bestehen, wo Bestandsgebäude modernisiert werden oder wo nicht überall sofort eine vollständig vernetzte Infrastruktur vorhanden ist. Gerade im Bestand ist diese Flexibilität wichtig, weil sich nicht jeder Bereich mit demselben Aufwand digitalisieren lässt. Hier bietet BKS wirtschaftliche und verlässliche Lösungen an.
Auch wirtschaftlich kann das sinnvoll sein. Wenn bei Schlüsselverlusten nicht mehr ganze Schliessanlagen getauscht werden müssen, sondern deutlich gezielter reagiert werden kann, entsteht ein klarer Mehrwert über den Lebenszyklus hinweg. Elektronik eröffnet hier also nicht nur mehr Komfort, sondern auch mehr Flexibilität und Sicherheit.
Neben dem Gebäudemanagementsystem GEMOS bieten Sie noch GEMOS access an. Wo ist hier der Unterschied und an wen richtet sich GEMOS access?
Creutziger: GEMOS access ist ein eigenständig lauffähiges professionelles Zutrittskontrollsystem. Hier stehen die klassischen Aufgaben der Zutrittskontrolle im Fokus: Wer darf wann und wo hinein – es geht also um Ausweise, Zeitprofile, Besuchermanagement oder die Überwachung von Türzuständen.
Das System arbeitet webbasierend und ist sehr skalierbar und reicht von kleineren Anwendungen bis hin zu großen, standortübergreifenden Installationen. Gerade im KRITIS-Umfeld ist zudem relevant, dass sich damit sicherheitskritische Innenbereiche gezielt absichern lassen, etwa mit Zwei-Faktor-Authentifizierung. Dabei können klassische RFID-Komponenten mit biometrischen Verfahren kombiniert werden – beispielsweise mit Fingerprint, Handvene, Iris oder Gesichtserkennung.
Ein zusätzlicher Vorteil liegt darin, dass GEMOS access auf dem selben Softwarekern wie GEMOS basiert . Das schafft Synergien und macht die Lösung für Unternehmen interessant, die Zutrittskontrolle professionell aufsetzen und später weiter ausbauen möchten.
Funktioniert GEMOS access auch unabhängig von GEMOS?
Creutziger: GEMOS access funktioniert auch unabhängig von GEMOS. Es ist als eigenständiges Zutrittskontrollsystem ausgelegt und kann von kleineren Anwendungen bis hin zu größeren Installationen separat betrieben werden. Der Vorteil ist, dass Kunden also nicht zuerst ein komplettes Gefahrenmanagementsystem brauchen, um mit GEMOS access arbeiten zu können. Falls GEMOS bereits im Einsatz ist oder später dazukommt, lässt sich die Lösung aber sinnvoll anbinden. Dadurch entstehen zusätzliche Synergien, etwa bei der gemeinsamen Bedienung und im Zusammenspiel mit weiteren sicherheitsrelevanten Funktionen.
Wir haben gehört, dass es viele Stellschrauben beim Schutz kritischer Infrastrukturen zu beachten gibt. Können Sie einen konkreten Sicherheitscase als Beispiel nennen, wie GEMOS die Userinnen und User im Ernstfall unterstützt?
Creutziger: Ein typisches Beispiel aus der Praxis ist ein Umspannwerk oder Wasserwerk. Wenn dort jemand unbefugt über den Zaun auf das Gelände gelangt, erkennt die Sensorik den Vorfall und meldet ihn an GEMOS. Das System kann dann automatisch passende Kamerabilder aufschalten, die Außenbeleuchtung aktivieren oder Lautsprecherdurchsagen auslösen – und wie schon gesagt, mit dem großen Vorteil für den Bediener, dass alles in einer System- und Bedienoberfläche stattfindet, egal welche spezialisierten Systeme im Unternehmen im Einsatz sind.
Gleichzeitig erhält die Person in der Leitstelle konkrete Handlungsanweisungen – etwa wen sie informieren oder welche Schritte sie einleiten muss. Damit wird die Stresssituation reduziert und die Wahrscheinlichkeit von Fehlern sinkt. Der Mensch bleibt der Entscheider, bekommt aber die nötige Struktur an die Hand.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die revisionssichere Dokumentation. Jeder Schritt, jede Statusmeldung und jedes Ereignis wird mit Zeitstempel protokolliert. Gerade im KRITIS-Umfeld ist diese Nachvollziehbarkeit essenziell, weil sie im Nachgang genau zeigt, was passiert ist und welche Maßnahmen ergriffen wurden.
[Interview: Walter Nogueira]